Einladung in die Cantina

… oder warum es Sinn macht, rechtzeitig Vokabeln nachzuschlagen, die man nicht kennt


Ping, wir haben eine Whats App Nachricht bekommen: „Hallo und guten Abend, wenn ihr morgen gegen 11.30 Uhr Zeit habt, machen wir eine Spritztour durch die Gegend und schauen uns ein paar Dinge an. Danach gehen wir in die Cantina, um den neuen Wein zu probieren“ … Oh schön, natürlich haben wir Zeit und am nächsten Tag um 11.30 Uhr sitzen wir in Massimos Auto und der Ausflug beginnt.


Massimo ist Architekt und unser Nachbar. Sein Wochenend- und Ferienhaus steht neben unserem und gelegentlich trifft man sich auf einen Plausch. Massimo baut und renoviert Häuser in der Gegend, meist für Deutsche und Österreicher. „Ich zeige euch ein paar meiner Häuser“ und den ersten Halt machen wir am Meer. Dort steht ein Bungalow mit Dachterrasse direkt am Strand, voll verglast Richtung Wasser. Es ist ein weiteres von Massimos Ferienhäusern. „Gerade kam eine Reservierung für 2021 herein von einer Familie aus Finnland. Sie kommt jedes Jahr. Wer einmal nach Kalabrien in den Urlaub fährt, kommt immer wieder“, erzählt Massimo. Am Strand vor dem Haus haben Meeresschildkröten ihre Brutstätten. Und jedes Jahr im September kann man das Schlüpfen der kleinen Schildkröten hier direkt vor dem Haus beobachten.


Die Fahrt geht weiter ins bergige Hinterland. Die Gegend um Santa Caterina ist bekannt für ihre charakteristischen Bergformationen. „Im Sommer strahlen die Berge weiss“ berichtet Massimo, aber auch im Herbst finden wir den Anblick wunderschön. Wir besuchen weitere drei Häuser, die Massimo gebaut oder renoviert hat. Jedes dieser Häuser hat einen atemberaubenden Panoramablick auf das türkis schimmernde Meer. Während unserer Immobilien-Besichtigungstour stößt Pietro zu uns. Er ist Künstler und arbeitet gemeinsam mit Massimo. Er ist für die Steinarbeiten zuständig, für die Hausfassaden, die mit Naturstein erbaut werden und für die Pflasterung der Wege und Mauern. Pietro legt bei seiner Arbeit großen Wert auf die Harmonie der verwendeten Steine. Er sucht sie an vielen Orten in der Gegend zusammen, damit Farbe und Formen eine homogene Einheit bilden.


Langsam knurrt uns der Magen. Ob wir noch in die Cantina fahren? Wir sind im Dorf Santa Caterina angekommen. Eigentlich ist heute Feiertag der Heiligen des Ortes, doch wegen Corona ist das Fest abgesagt und das Dorfleben geht seinen gewohnten Gang. Pietro lädt uns in sein Haus ein, um seine Kunstwerke zu begutachten. Er arbeitet mit Stein und Holz. Köpfe von Dämonen und Fabelwesen blicken uns an. Von diesen Skulpturen gibt es sehr viele und offenbar auch Käufer, die Gefallen daran finden. Wir interessieren uns mehr für die Schalen und Tabletts aus verschiedenen Hölzern: Olive, Eiche, Ahorn. Sehr schön gearbeitet, doch der Platz in unserem Camper ist begrenzt und wir kaufen nichts. Hätten wir es tun sollen? Wir sind uns nicht sicher, ob es eine nette Geste gewesen wäre. Zu guter Letzt zeigt uns Piedro seine Open-Air-Werkstatt auf der Terrasse seines Hauses mit Panoramablick. „Hier lässt es sich gut arbeiten und der Blick in die Ferne inspiriert mich“ verkündet er stolz.



"Gehen wir jetzt wohl in die Kantine?", denken wir erneut, denn wir haben richtig Hunger. Wir möchten Massimo und Pietro zum Essen einladen, um uns für diesen schönen Ausflug zu bedanken.


Pietro holt einen Schlüssel und die beiden diskutieren, in welche Cantina sie gehen wollen. Die Entscheidung fällt auf Pietros. Wir sind etwas verunsichert, worüber Massimo und Pietro diskutieren. Doch wir folgen hungergetrieben durch die engen Gassen des Dorfes, bis wir vor einer alten Holztüre stehen. Pietro nimmt seinen Schlüssel und öffnet.



Wir treten ein in einen dunklen Raum, ausgestattet mit alten Schränken einem Tisch, Kübeln und Werkzeugen. Hinten an der Wand stehen vier große Weinfässer. Eine Ausklappbank wird aufgebaut und zwei Stühle stehen auch noch da. Pietro nimmt vier Gläser und spült sie unter dem Wasserhahn aus. Massimo holt einen großen Brotleib aus seiner Plastiktüte, schneidet Scheiben davon ab und breitet sie appetitlich auf dem Tisch vor uns aus. Dann folgen Schinkenwürfel, Salami und Käse. Pietro füllt die Gläser mit dem Wein aus einem der Fässer. "Das Fass ist aus Eichenholz gefertigt und der Wein ist von diesem Jahr", erfahren wir. „Cincin, alla salute, bitte bedient euch“. Wir sind überrascht und überwältigt und stoßen an. Das also ist eine Cantina, … keine Kantine oder Restaurant…




Wir probieren die neuen Weine und erhalten Informationen über deren Herstellung. Die Nero d’Avola-Trauben werden gepresst und anschließend fermentiert. In jedes Fass kommt der gleiche Most, doch den unterschiedlichen Geschmack erhält der Wein durch das Holz aus dem das Fass gefertigt ist. „Wie viel Liter Wein hast du dieses Jahr produzieren können, Pietro?“ „Zwei Fässer“, also ca. 500 Liter. „Aber ich habe noch ein paar Liter vom letzten Jahr“. Ob wir probieren wollen? Der einjährige Wein ist reifer, voluminöser und gut. Im Laufe des Jahres wird ein Fass bist zum Hahn geleert. Der Restwein, der im Fass verbleibt, verwandelt sich zu Essig, ein sehr guter Essig soll es sein, berichtet Pietro stolz.


Nach einer Stunde haben wir gut gegessen und alle Weine probiert. Als Geschenk erhalten wir eine Flasche vom 2019er Wein. Wir sind wieder einmal gerührt, denn wir erfahren hier so viel Gastfreundschaft. Wir räumen zusammen, um nach Hause aufzubrechen. Beim Verlassen der Cantina öffnet Pietro eine Tonne und lässt uns hinein riechen. Der Begriff Aceton ist das erste, was uns in den Sinn kommt, „bester Essig“, erklärt uns Pietro. Ob wir eine Flasche wollen? Wir können nicht ablehnen und erhalten 1,5 Liter reinen Aceton-Essig (Scherz :-), doch sparsam eingesetzt erhält der Salat mit diesem Essig eine spritzig frische Weinnote.



Auf dem Weg zum Auto legen wir noch einen kurzen Stop in Massimos Cantina ein und wir erhalten zwei weitere Flaschen Wein als Geschenk. Was für ein herrlicher Tag!



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